Wahn use olde Heimat

Wahner Gebräuche

Beim Richtfest

Wenn ein Wahner ein Haus baut, dann hilft nicht nur die Nachbarschaft, nein, die ganze Gemeinschaft tritt freiwillig zur Hilfeleistung an. Diese Hilfsbereitschaft zeigt sich besonders am Tage des Richtfestes. Wenn der Bau soweit fortgeschritten ist, daß gerichtet werden muß, dann geht der Bauherr zu Freunden und Nachbarn und bittet sie, ihm zu helfen. Gern und freudig sagen sie zu. Am Morgen des Richttages wird die hl. Messe besucht und Gottes Segen auf diesen Bau herabgefleht. Alle Hausgenossen, auch Meister und Geselle sind anwesend. Kurz nach Mittag kommen die Helfer. Doch bevor das Richten beginnt, kniet alles nieder und gemeinschaftlich wird ein „Vater unser“ und „Gegrüßet seist du Maria“, gebetet zur Bewahrung vor einem Unglück.

Unter dem Kommandowort des Meisters wird die Arbeit in Angriff genommen. Die einzelnen Gebinde werden ruckweise hochgestellt und mit Seitenstreben festgemacht. Damit die Kraft der Arbeitenden nicht schwindet, darf der Bauherr mit dem „Schluck“ nicht geizen. Während die Männer schwere und gefährliche Arbeit leisten, haben sich in der Küche die Frauen der Geladenen eingefunden. Sie bringen ein Pfund Butter und auch Milch mit. Butterkuchen, Korinthenstuten, Schinken wird aufgetischt und eine „gaud Köppken“ dreiht. „Nich nögen laten, nu man taupacken“, lautet die ständige Einladung der Hausfrau. Unter Reden und Scherzen fliegt die Zeit dahin. Die Frauen müssen nach Hause. Schnell wird der Tisch für die Männer gedeckt, noch reichlicher als zuvor. Zwar behaupten sie, daß sie sich mit den Resten begnügen müßten. Umsonst wäre das Sprichwort: »Das Pferd, das den Hafer verdient, bekommt ihn nicht«, nicht geschrieben. Nach dem Kaffee werden die Dachsparren aufgelegt. Nach der Befestigung eines jeden Dachsparren geht der Bauherr mit dem stärkenden „Schluck“ durch die Reihen. So heischt es der Brauch. Das Gerüst ist aufgerichtet. Singend ziehen die Burschen zum nahen Wald und suchen den schönsten Maienbaum. Dieser wird mit Schnapsflasche und Holzschinken auf der höchsten Spitze befestigt. Herzklopfend besteigt einer der Lehrlinge das Ge- rüst und hält eine Ansprache in Form eines Gedichtes:

Alle Fürsten, Grafen und Herren
Können das ehrbare Zimmermannshandwerk nicht entbehren.
Ich dachte durch vieler Meistergunst
Und durch vieler Herrengunst,
Zu erlangen einen klugen Witz,
Ein Haus zu bauen auf einer Nadelspitz.
Da dieses aber nicht geht an,
So müssen wir bauen nach einem wohldurchdachten Plan.
Dieser Bau hat viele Balken, Ziegeln und Pfosten,
das wird unserem Bauherrn ein gutes Trinkgeld kosten.
Ein Dutzend Taler, das wär nicht viel,
Zwei Dutzend Taler, das wäre wohl das richtige Ziel.
Wenn er aber uns recht freundlich tut bitten,
So sind wir mit dem Dutzend auch zufrieden.
Kann dieses alles nicht sein,
So falle dieser Bau wieder ein,
Aber erst, wenn ich herunter bin,
Damit ich kann reisen wohin ich will.
Nun Bauherr, frage ich mit freiem und frohem Mut,
Ob dir dieser Bau gefallen tut.

(der Bauherr antwortet recht gut)

So gefällt er Meister und Geselle auch wohl,
da er so gut geraten ist, wie er soll.
Meister und Geselle haben keinen Fleiß gespart,
an diesem Bau ist alles wohl verwahrt.
Nun bitte ich euch alle insgemein.
um ein wenig ruhig zu sein.
Und nun weiter hören zu,
was ich nun weiter sagen tu.
0 Herr, Gott, Schöpfer der ganzen Welt,
der du alles erschaffen und erhältst,
du wollest dieses Haus bewahren,
vor Feuer und vor Schaden;

Und alle die da gehen ein und aus;
Du wollest unserm Bauherrn geben,
ein gesundes und langes Leben,
seiner Frau und seinen Kindern
und allen, die hier angebürtig sind.
0 Gott, sagen wir zu jeder Zeit,
und nochmals in der Ewigkeit.
0 Gott, der du alles geben kannst,
Und dieses Werk bist anfangen an,
Du wollest durch deinen Willen,
Diese Bitte gänzlich erfüllen.
Zu deinem Lobe, Ehr und Preis,
Durch deinen Sohn, den heiligen Geist. Amen.

Froh darüber, mit dem Spruch fertig zu sein, ruft er:

„Nun schenkt ein – ein Gläschen Wein!
Der Bauherr soll leben hoch, hoch, hoch;
Der Meister und die Gesellen, sie leben hoch, hoch, hoch.“

Nach dem Hoch auf Bauherr, Meister und Geselle wird zum Abendbrot eingeladen. In der großen Küche versammeln sich alle um den weißgescheuerten Tisch. Das Essen mundet nach der anstrengenden Arbeit besonders gut. Jeder langt reichlich zu. Man ißt und. scherzt und trinkt. Der Bauer holt noch einmal den „Klaoren“ aus der „glasenkäste“. So sitzt man lange gemütlich beisammen und wundert sich, wenn auf einmal der Zeiger der Uhr bereits auf zwei zeigt.