Wahn use olde Heimat

Kriegschronik 1914 – 1918

Die Gemeinde beim Ausbruch des Krieges

Auf Deutschland, auf, und Gott mit Dir!
Ins Feld! Der Würfel klirrt!
Wohl schnürt’s die Brust uns, denken wir
Des Blut’s, das fließen wird!
Dennoch, das Auge Kühn empor,
Den singen wirst du ja:
Groß, herrlich, frei, wie nie zuvor!
Hurra, Germania
Hurra Viktoria
Hurra Germania!

Mit diesen Worten Freiligraths beginne ich meine Chronik, denn sie bringen so recht die Stimmung zum Ausdruck, die beim Ausbruch des Krieges in unserer Gemeinde sich geltend machte. 1913. Das Jahr der 100. Wiederkehr der Befreiung Deutschlands vom Korsischen Joche. Im Volke, das angeblich Prophezeiungen und in gewissen Grenzen dem Aberglauben gerne zuneigt, kurz das Blutjahr genannt, hatte man den Ausbruch eines großen Krieges erwartet. Friedlich ging es zu Ende. Froh waren viele ob des glücklichen Endes dieses viel gefürchteten letzten Jahres. Nebenher muß ich bemerken, daß infolge der für dieses Jahr herrschenden Befürchtungen in hiesiger Gemeinde der Bau einer Scheune unterlassen wurde, obwohl er 1912 vorbereitet, aber nicht zur Ausführung gelangt war. Da kam am 28. Juni 1914 die schaurige Kunde von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin in Sarajewo. Hier und da wurden Befürchtungen laut, daß dieses der Anlaß zu kriegerischen Verwicklungen werden könne. Leider sollte es so sein. Als am 25. Juli die diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien abgebrochen waren, da erfüllten bange Ahnungen die Herzen unserer Bevölkerung. Mit Spannung erwartete man das Eintreffen der Zeitungen. Schon lange Zeit vor Eintreffen der Post fanden sich ältere Leute in der mit der Postagentur verbundenen Schwakschen Wirtschaft ein und diskutierten die Frage: „Was wird nun kommen?“ Allseitig setzte man große Hoffnungen auf die oft bewährte Friedensliebe unseres geliebten Kaisers. Erschien dann die Zeitung und gab Kunde von den langmütigen Bemühungen Sr. Majestät, um den Frieden zu er- halten, so hörte man wohl aus dem Munde eines Alten den Seufzer: „Noch ist es gutgegangen!“

kriegschronik-1Endlich sollte die Stunde kommen, die das Volk aus seiner Spannung erlösen sollte. Am Freitag, den 31. Juli 1914, Nachmittags gegen 41/2 Uhr hing im Aushängekasten der Postagentur die Bekanntmachung, daß der Postverkehr mit Rußland und Frankreich eingestellt sei. Gegen 7 Uhr Abends traf ein Bote vom Landratsamte beim Gemeindevorsteher Joh. Hempen ein und überbrachte die Meldung von der Erklärung des Kriegszustandes. Sofort wurde dieses in ortsüblicher Weise durch den Gemeindediener Bern. Behrens durch Ausklingein bekannt gemacht. Bald darauf sammelten sich zahlreiche Gemeindemitglieder bei der Postagentur, wo man hoffte, Näheres gewahr zu werden. Im Orte selbst hatte sich bereits das Gerücht von der Mobilmachung verbreitet. Allgemein herrschte große Erregung. Der Schneidermeister Langen kam, seinen Paß in der Hand.. ganz außer Atem angerannt und fragte den Schreiber dieser Zeilen, ob er schon am andern Tag wegmüsse. Er mußte sich am ersten Mobilmachungstag in Wilhelmshaven stellen. Erst als man ihm sagte, soweit sei es noch nicht, legte sich seine Erregung. Doch der 1. August 1914 brachte die Mobilmachung. Nachmittags gegen 4 Uhr wurde dem hiesigen Postagenten die Mitteilung, die Mobilmachungsorder zu öffnen, und sich mit den diesbezüglichen Bestimmungen und Anweisungen bekannt zu machen. Als um 6 Uhr, der Zeit des Eintreffens der Post, wieder zahlreiche Männer im Posthause verweilten, da erscholl ein sehr langes, einmaliges Klingelzeichen des Telefons. Alle ahnten, was kommen werde. Wenige Minuten und es erscheint der Postagent. Lautlose Stille, als er liest: Mobilmachung angeordnet. Erster Mobilmachungstag 2. August 1914.

Auch jetzt erfolgte ortsübliche Bekanntmachung durch den Gemeindevorsteher bzw. Gemeindediener. Der Schreiber dieser Zeilen über- brachte die Kunde von der Mobilmachung den Bewohnern des etwa 3/4 Stunde vom Orte Wahn und zu diesem gehörenden sogenannten „schroen Feld“, jetzt auch „Hohe Heide“ genannt. Große Angst um ihre Lieben machte sich in den Familien kund, die Angehörige ins Feld schicken mußten. Diese Angst und Besorgnis ließ auch in unserer stillen Bauernbevölkerung nicht die Wogen der Begeisterung so hochgehen, wie dies in den Städten der Fall war. Nichts desto- weniger waren unsere braven Krieger entschlossen, den Kampf um des Vaterlandes Bestehen auf sich zu nehmen. Und als die nächsten Tage weitere Kriegserklärungen brachten und manchern die Zahl der Feinde eine gar zu große erschien, da waren es gerade die jungen Krieger, die den Gedanken Ausdruck verliehen: „Wir werden trotz der vielen Feinde siegen!“

Am 2. August morgens um 6 Uhr fuhren die drei ersten Söhne unserer Gemeinde ab zu ihrem Gestellungsort. Es waren der Hofbesitzer Jos. Hensen, der Heuersohn Franz Lüken und der Schneidermeister Heinrich Langen. Letzterem wurde morgens um 5 Uhr, also kurz vor der Abreise, ein Kind geboren. Gewiß eine harte Scheidestunde. Rührend war es zu sehen, wie sich auf dem Bahnhofe die übrigen später abrückenden Mannschaften eingefunden hatten, um ihren Kameraden ein gesundes Wiedersehen zurufen. Auch hier zeigte sich wieder große Siegeszuversicht. Zu Weihnachten hoffte man wieder zu Hause zu sein.

Eine große Welle religiöser Betätigung machte sich unter den Scheidenden, aber auch unter den Zurückbleibenden bemerkbar. Keiner der ins Feld rückenden ist ohne Empfang der hl. Sakramente der Buße und des Altares von hier gegangen. So blieb es auch bei den später erfolgenden Einberufungen. Auch die Zurückgebliebenen suchten durch sehr gesteigerten Sakramentenempfang und Beiwohnung der sofort eingerichteten Kriegsandachten den Segen Gottes über unsere gerechte Sache herabzuerflehn. Allabendlich füllte sich unser altehrwürdiges Gotteshaus mit einer großen Anzahl von Betern.